Europäische Zentralbank bricht Rekord

01-Euro-cIn einem beispiellosen Schritt hat die Europäische Zentralbank am 2. Mai 2013 die Leitzinsen auf das absolute Rekordtief von 0,5 Prozent abgesenkt. In der gesamten Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegszeit waren die Zinsen noch nie so niedrig.

Welche Vorteile ergeben sich aus den Tiefstzinsen?

Für Verbraucher, die Kredite aufnehmen müssen, ist die erneute Verringerung der Leitzinsen eine ausgesprochen gute Nachricht. Im Klartext bedeutet dies: Die Zinsen für Ratenkredite und für die Baufinanzierung werden weiter fallen. Allerdings geben die Banken diese Vorteile oft nur mit erheblicher Verzögerung oder gar nicht an die Kunden weiter. Vor allem bei den Überziehungszinsen für Girokonten hielten sich die Kreditinstitute lange Zeit bedeckt. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass die ohnehin schon günstige Baufinanzierung noch vorteilhafter wird.

Wo liegen die Nachteile?

Das Rekordtief bei den Zinsen bedeutet für Anleger weiteren Stress; denn nun wird die Suche nach einer einigermaßen akzeptablen Rendite noch schwerer. Schon jetzt erbringen deutsche Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren lediglich 1,2 Prozent Rendite. Das ist keine sinnvolle Anlage, denn die Inflation führt mit jedem Jahr zu einem weiteren Wertverlust. Experten bezeichnen diese Situation als „finanzielle Repression“; denn in dieser historischen Niedrigzinsphase gibt es kaum einen Ausweg aus diesem Dilemma. Es findet eine schleichende Enteignung durch die Hintertür statt. Eine vergleichbare Phase gab es bereits – wenn auch in geringerem Ausmaß – in den 1950er Jahren. Der gesamte Rentenmarkt (Staats- und Unternehmensanleihen) wirft nur noch kümmerliche Erträge ab. Betroffen sind auch Lebensversicherungen, die zunehmend unter Druck geraten, und andere verzinsliche Anlageformen wie Tagesgeldkonten und Sparbücher.

Was ist der Sinn der Leitzinssenkung?

Die historisch niedrigen Leitzinsen sind ein Symptom für eine schwere Wirtschaftskrise, die bereits 2007 mit der Immobilienmarktkrise (der Subprime-Krise) in den USA begann. Seit diesem Crash, der im Jahr 2008 in eine Bankenkrise mündete, verläuft die konjunkturelle Erholung in vielen Ländern nur noch sehr schleppend. Insbesondere Südeuropa wird seit unzähligen Jahren von einer hartnäckigen Rezession heimgesucht.

Die Zentralbanken lockern den geldpolitischen Kurs, um die Konjunktur deutlich anzukurbeln. Noch niedriger als in der Eurozone sind die Leitzinsen in den USA und in Japan, wo sie fast auf Nullniveau abgesenkt wurden. Es gibt in der gesamten Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit kein vergleichbares Phänomen. Besonders dramatisch ist die Situation in Japan. Dort sollen mehr als zwei Billionen Euro in den kommenden zwei Jahren in die Wirtschaft gepumpt werden. Tokio befindet sich seit mehr als zwei Jahrzehnten in einer Deflation. Alle bisherigen Maßnahmen konnten das Land nicht aus diesem Kreislauf herausholen, und die Staatsverschuldung hat inzwischen das unvorstellbare Niveau von 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht. Damit ist Japan Schuldenweltmeister, wenn man von einigen Entwicklungsländern absieht.

Sind wir mitten in einer Weltwirtschaftskrise?

Es ist fraglich, ob der weltweite Wettlauf um die niedrigsten Leitzinsen und die Flutung der Märkte mit Geld wirklich Abhilfe schaffen. Das Beispiel Japan überzeugt nicht, denn seit zwei Jahrzehnten wird dort versucht, die Wirtschaft durch noch mehr Liquidität zu beflügeln. Die Frage, die sich angesichts dieser Dimensionen stellt, ist: Sind wir mitten in einer Weltwirtschaftskrise, oder steht uns das Schlimmste noch bevor?

 

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Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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