Die Rezession in Italien

13-Burg-eDie Rezession in Italien nimmt immer größere Ausmaße an und belastet die Eurozone zusätzlich. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds wird die italienische Wirtschaft dieses Jahr voraussichtlich um 1,8 Prozent schrumpfen. Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg gab es in Italien eine solche hartnäckige und lang anhaltende Rezessionsphase. Im vergangenen Jahr lag der Rückgang der wirtschaftlichen Leistung bei zwei Prozent. Auch die Arbeitslosenquote ist unvermindert hoch und liegt seit längerem bei weit über 12 Prozent.

Benötigt Italien ein Rettungspaket?

Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Italien in einigen Monaten ein größeres Rettungspaket aus Brüssel benötigt. Die viel gelobten Reformmaßnahmen sind längst ins Stocken geraten. Auch wenn sich Ministerpräsident Enrico Letta bemüht, Bedenken zu zerstreuen, so ist es doch offensichtlich, dass die Koalition mit Berlusconi nicht wirklich stabil ist. Immer noch fordert der Koalitionspartner eine Abschaffung der Immobiliensteuer. Dadurch würden neue Milliardendefizite entstehen.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat mittlerweile italienische Staatsanleihen herabgestuft – nun befinden sich die Papiere nur noch zwei Stufen über dem Ramschstatus. Nach Schätzungen von Experten ist der Euro für die italienische Wirtschaft um 25 Prozent überbewertet, was den Außenhandel erheblich beeinträchtigt und die Wettbewerbsfähigkeit einschränkt. Jeden Tag müssen in Italien schätzungsweise tausend Firmen schließen. In den vergangenen vier Jahren mussten dem italienischen Industrieverband Confindustria zufolge 55.000 Unternehmen aufgeben. Nicht nur der strukturschwache Süden leidet unter dem starken Euro, sondern inzwischen auch die früher prosperierende Industrieregion im Norden des Landes. Die Verschuldung wird bis Dezember 2013 bei voraussichtlich 129 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen. Die italienische Statistikbehörde ISTAT stellt fest, dass 14,3 Prozent der Italiener in Armut leben. In den zwei schweren Krisenjahren hat sich die Armutsquote fast verdoppelt. Die Oppositionsbewegung „Fünf Sterne“ plädiert für einen Schuldenschnitt.

Italien hat weltweit den drittgrößten Anleihenmarkt hinter den USA und Japan. Turbulenzen könnten sehr schnell in der Eurozone und weltweit für einen neuen Krisenmodus sorgen. Daher wird die Europäische Zentralbank bemüht sein, Italien stabil zu halten. Langfristig aber wird das Problem der Wettbewerbsfähigkeit eine zentrale Rolle spielen. Da Italien die Gemeinschaftswährung Euro nicht mehr abwerten kann, ist die Wettbewerbsfähigkeit nur durch eine drastische Senkung der Preise und Kosten zu erreichen. Doch die Bereitschaft, sich einem solchen drakonischen Sparkurs zu unterziehen, wird immer geringer, zumal die Armut ständig steigt – wie in vielen Ländern der Eurozone.

Für dieses schwierige Dilemma gibt es leider nur zwei wenig erfreuliche Lösungen: Der Euro zerbricht, und Italien kann in einer eigenen Währung die Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellen, oder das Land ist auf ein größeres Rettungspaket – eventuell in Kombination mit einem Schuldenschnitt – angewiesen. Allerdings ist Italien ein Schwerpunkt – der ESM dürfte damit hoffnungslos überfordert sein. Beide Rettungsansätze dürften die Weltwirtschaft in sehr schwieriges Fahrwasser bringen. Daher wird die Politik alles unternehmen, um diesen wirtschaftspolitischen Showdown so lange wie möglich hinauszuzögern.

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Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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