Die Gefahr der Deflation

15-Sonne-cBei vielen Experten gilt die Deflation als das schlimmere Übel im Vergleich zur Geldentwertung. Vor allem die Weltwirtschaftskrise von 1929 führte zu erschreckenden Preisrückgängen, die die Ökonomie in ein Chaos stürzten. Die Folgen waren entsetzlich: Massenarbeitslosigkeit und Verarmung. Die Börse brauchte Jahrzehnte, um sich von dem Crash zu erholen.

Kehrt die Deflation wieder?

Als die Krise 2007/2008 ausbrach, die wahrscheinlich als eine neue Weltwirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts in die Geschichtsbücher eingehen wird, befürchteten die meisten Beobachter eine deutlich anziehende Inflation. Inzwischen verbreitet sich eher die Angst vor einer Deflation.

Wenn man von den vielfältigen und komplexen Problemen der Inflationsmessung absieht (Zusammensetzung des Warenkorbs, Berücksichtigung des technologischen Fortschritts usw.), zeigen sich in einigen Bereichen erste Symptome eines deutlichen Preisrückgangs. So fiel der Preis für Mais auf den internationalen Weltmärkten innerhalb eines Jahres um 42 Prozent. Die wichtigste Getreideart, der Weizen, gab um satte 27 Prozent nach, und Kaffee verbilligte sich innerhalb von zwölf Monaten um 23 Prozent. Überhaupt nähert sich der Kaffeepreis einem historischen Tiefststand, wie er im Jahre 2001 erreicht wurde. Selbst das Nordseeöl (Brent) wurde um sieben Prozent billiger. Die Kupfernotierungen, die als wichtiger Indikator für den konjunkturellen Aufschwung angesehen werden, fielen um mehr als neun Prozent. Aluminium verbilligte sich um fast elf Prozent.

Die unübersehbare Schwäche am Rohstoffmarkt deutet darauf hin, dass die Weltkonjunktur trotz aller Beteuerungen noch immer lahmt und die Konsumnachfrage gering ist. Besonders in den südeuropäischen Ländern macht sich die Flaute bemerkbar. In Griechenland sanken die Preise im November 2013 um fatale 2,9 Prozent. Das ist der größte Wert seit Beginn der Aufzeichnungen in den sechziger Jahren.

Das Dilemma der Notenbanken

Noch nie in der Geschichte wurden die Märkte so mit Liquidität geflutet. Die Schleusen stehen weit offen, und dennoch sind die Arbeitslosenzahlen in Ländern wie Spanien oder Griechenland sehr hoch.

Haben die Notenbanken alles richtig gemacht? Es lässt sich festhalten: Tatsächlich haben die Notenbanken aus den Fehlern von 1929 gelernt. Damals führt der vor allem in Deutschland praktizierte rigide Sparkurs in die Katastrophe, und der Welthandel kam fast vollständig zum Erliegen. Die großzügige Geldpolitik hat in unseren Tagen sicherlich das Schlimmste verhindert. 2008 stand nicht nur die Wall Street vor einem Abgrund – die Weltwirtschaft befand sich am Rande des Zusammenbruchs.

Dennoch ist das Problem nur zeitlich verschoben worden. In den Banken schlummern immer noch gewaltige Risiken. Die toxischen Papiere, die auf Verbriefungen von Hypotheken und anderen Forderungen beruhen, sind immer noch vorhanden – ebenso wie Hunderttausende von Derivaten, deren Gefahren noch nicht einmal annähernd erfasst sind. Viel Spielraum bleibt den Notenbanken nicht mehr; denn die Leitzinsen befinden sich bereits auf historisch niedrigem Rekordniveau.

Die Welt mag einem zweiten „1929“ entkommen sein, aber die langfristigen Folgen (stagnierendes Wachstum, Rezession, Verarmung, Währungskrisen, „Zombiebanken“, hohe Staatsverschuldung, der stetige Niedergang einiger Regionen der Weltwirtschaft) werden verheerend sein.

Das Buch zum Blog

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Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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Ein Gedanke zu „Die Gefahr der Deflation

  1. “Das Folgenschwerste bei diesen ganzen Staatsverschuldungen ist jedoch der Tatbestand, dass in den gesamten 40 Jahren die fälligen Zinszahlungen fast ausschließlich mit Neukreditaufnahmen finanziert worden sind. Die Schuldenausweitungen, die sich zwischen 1970 und 2005 auf rund 1.500 Mrd. Euro beliefen, waren praktisch identisch mit den Zinszahlungen in der gleichen Zeit. Das heißt: Diese Schuldenzunahmen haben weder dem Staat noch der großen Bürgermehrheit genutzt, sondern einzig und allein jener Minderheit der Kreditgeber, die dem Staat das Geld geliehen haben. Auf Kosten aller anderen wurden diese Geldverleiher also genau um jene 1.500 Milliarden Euro reicher, die der Staat in den gleichen Jahren an Krediten aufgenommen hat!”

    Helmut Creutz

    Was schon 12-jährige Schulkinder verstehen, bleibt für Politiker bis zum bevorstehenden, endgültigen Zusammenbruch der Weltwirtschaft (globale Liquiditätsfalle nach J. M. Keynes) unverständlich. Sie wollen es nicht verstehen, um sich nicht der ganzen Sinnlosigkeit ihrer Existenz bewusst zu werden, denn die Befreiung der Marktwirtschaft vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus (Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz) macht die “hohe Politik” überflüssig:

    Schuldenbremse und Wachstum?

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