Die mageren Jahre

15-Sonne-aIn den vergangenen Jahren hat sich ein schleichender Wandel vollzogen. Während in den Jahrzehnten nach 1945 noch ein akzeptables Wirtschaftswachstum erreicht werden konnte, ging die Wachstumsrate nach dem Jahr 2000 immer mehr zurück.

In den fünfziger Jahren waren Steigerungen beim Bruttoinlandsprodukt von über fünf Prozent keine Seltenheit, sondern der Regelfall. In den sechziger Jahren flachte sich die Kurve bereits ab, hielt sich aber über der Marke von 3,5 Prozent. In dem darauffolgenden Jahrzehnt, das von Ölkrisen und Turbulenzen an den Rohstoffmärkten geprägt war, konnte sich die Wachstumsrate immerhin über einem Niveau von 2,5 Prozent stabilisieren. Der eigentliche Absturz erfolgte in den achtziger Jahren, als nur noch ein Durchschnitt von 1,5 Prozent erzielt wurde.

Mit der Wiedervereinigung setzte sich ein neuer Wachstumsschub durch, der vorübergehend Deutschland Impulse verlieh. Nach der Jahrtausendwende aber ging der Abwärtstrend unvermindert weiter: In der Hälfte aller Jahre in dieser Dekade lag das Wirtschaftswachstum bei nur noch unter einem Prozent. Und in der Zukunft könnte sich diese Entwicklung fortsetzen.

Das Ende des Wohlstands

Die Auswirkungen sind mittlerweile überall spürbar. Die Infrastruktur (Straßen, Bildungseinrichtungen, Gesundheitswesen) büßt an Leistungsfähigkeit ein. Die jetzt beschlossene, halbherzige Rentenreform ist eine leicht durchschaubare Klientelpolitik, die nichts nützen wird. In Zukunft wird das Rentenniveau drastisch sinken und zu einer weit verbreiteten Altersarmut führen. Erforderlich wäre eine grundlegende Reform des Rentensystems, das die Generationengerechtigkeit in den Vordergrund rückt und jedem einen sicheren Lebensabend ermöglicht. Auch Jüngere sollten eine faire Chance auf eine angemessene Altersversorgung erhalten.

In Deutschland sind die Reallöhne bis zum Jahr 2009 deutlich gesunken, während die Unternehmensgewinne (mit Ausnahme des Krisenjahres 2008) zulegen konnten. Erst seit diesem Zeitpunkt ist eine leichte Erholung erkennbar. Insgesamt betrachtet aber stagnieren die Gehälter hierzulande seit dem Jahr 1999. Unter 14 westeuropäischen Staaten ist Deutschland bei der Lohnentwicklung mit Abstand das Schlusslicht. Die Mittelschicht schrumpft.  Die Kluft zwischen Arm und Reich wird zunehmen, und die Kaufkraft wird weiter sinken.

Das Buch zum Blog

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Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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Ein Gedanke zu „Die mageren Jahre

  1. Der Kreditzins, den Unternehmer für Investitionskredite an die Geschäftsbanken zahlen, besteht aus der Bankmarge und dem Guthabenzins, den die Geschäftsbanken an die Sparer zahlen. Die Bankmarge minus Risikoprämie (Kreditausfall-Versicherung) minus Personal- und Sachkosten ist der Gewinn der Geschäftsbanken vor Steuern, und der Guthabenzins der Sparer ist die Liquiditätsverzichtsprämie (Urzins) plus Knappheitsaufschlag plus Inflationsaufschlag. Der Realzins (Sparer-Gewinn) ist der Guthabenzins minus Inflation.

    Die Liquiditätsverzichtsprämie ist zeitabhängig und erreicht bei langfristigen, ca. 10-jährigen Geldanlagen den vollen Urzins von etwa 4,5%, während der Knappheitsaufschlag durch das Verhältnis von Kreditangebot und Kreditnachfrage in der Volkswirtschaft bestimmt wird. Ist nach einem Krieg (umfassende Sachkapitalzerstörung) die Kreditnachfrage zur Finanzierung neuer Sachkapitalien (Häuser, Fabriken, Schiffe, etc.) deutlich größer als das Kreditangebot, steigt der Realzins für die Sparer um eine „Belohnung für Konsumverzicht“, weil in dieser Situation die Schaffung neuen Sachkapitals für die Volkswirtschaft wichtiger ist als der vorgezogene Konsum; und wenn kurz vor dem nächsten Krieg die Geldvermögen – und damit auch die (fast) spiegelbildliche Gesamtverschuldung – durch die fortlaufende Verzinsung soweit gewachsen sind, dass das Kreditangebot die Kreditnachfrage übersteigt, weil die Rentabilitätshürde des Urzinses der weiteren Vermehrung rentabler Sachkapitalien eine Grenze zieht, wird der Knappheitsaufschlag negativ und der Realzins für die Sparer vermindert sich um eine „Bestrafung für Investitionsverzicht“. Dies führt zu einer Verkürzung der durchschnittlichen Anlagedauer, weil der Realzins nun unter den vollen Urzins fällt, den die Sparer mindestens fordern, um ihre Ersparnisse langfristig zu verleihen. Aus mittel- bis kurzfristig den Geschäftsbanken überlassenen Ersparnissen können diese aber umso weniger Investitionskredite vergeben, für deren verzinste Zurückzahlung die Unternehmer etwa zehn Jahre benötigen. Die Geschäftsbanken haben mit immer größer werdenden Kreditausfall- sowie Fristentransformationsrisiken zu kämpfen und verlagern ihre Geschäftstätigkeit von der Investition auf die Spekulation (ironischerweise als „investment banking“ bezeichnet), um an Preisschwankungen zu profitieren, die wiederum umso größer und hektischer werden, je mehr die „Bestrafung für Investitionsverzicht“ den Geldkreislauf ins Stocken bringt. Am Ende gerät die Volkswirtschaft in eine Liquiditätsfalle, d. h. der Geldkreislauf – und damit die Arbeitsteilung – bricht soweit zusammen, dass die nächste umfassende Sachkapitalzerstörung unvermeidlich wird, damit es nach dem Krieg wieder eine „Belohnung für Konsumverzicht“ geben kann:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/07/der-zins-mythos-und-wahrheit.html

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