Zinsen auf Rekordtief

17-Muenze-aDie Europäische Zentralbank in Frankfurt hat die Zinsen in der Eurozone auf ein historisches Rekordtief von 0,15 Prozent verringert. In der gesamten Wirtschaftsgeschichte (von der Antike bis heute) ist dies einmalig. Noch nie zuvor gab es ein solches Zinsniveau.

Ein weiteres Novum ist die Einführung von Negativzinsen, die bislang nur von Dänemark erhoben wurden. Auch dies ist in der Historie der Notenbanken unvergleichlich. Welche Schlussfolgerungen können wir daraus ziehen?

Japanische Verhältnisse

Die stetige Absenkung des Zinsniveau deutet unverkennbar darauf hin, dass die Konjunktur seit der schweren Krise in den Jahren 2007/2008 sich nur schleppend oder gar nicht erholt. Alle Versuche, die Märkte mit Geld zu fluten, sind letztlich gescheitert oder zeigen nur dürftige Ergebnisse. Viele Länder konnten bislang nicht wieder an die Wirtschaftsleistung des Jahres 2007 anknüpfen. Nur einige wenige Staaten wie Deutschland überwanden dank der prosperierenden Exportwirtschaft und der höheren Wettbewerbsfähigkeit den massiven konjunkturellen Rückgang.

In weiten Teilen der Eurozone herrschen weiterhin eine erschreckende Arbeitslosigkeit und eine permanente Konsumzurückhaltung. Die Kaufkraft der Menschen in den südeuropäischen Ländern ist drastisch gesunken. Die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt immer erschreckendere Ausmaße an.

Der verzweifelte Versuch der EZB, die lahmende Konjunktur durch Liquidität zu beleben, ist bisher nur wenig erfolgreich gewesen. Langfristig könnten sich in Europa japanische Verhältnisse etablieren: eine hartnäckige Stagnation, deflationäre Tendenzen und eine demografische Entwicklung, die ältere Generationen vor neue Herausforderungen stellt, Banken, die nur noch der Schatten ihrer selbst sind, und eine nachlassende Wettbewerbsfähigkeit.

Japan profitiert aber immer noch von seiner früheren Leistungsfähigkeit und ist damit eher mit Deutschland zu vergleichen. Länder wie Griechenland, Portugal, Frankreich, Spanien oder Italien haben bei dieser Entwicklung kaum eine Chance.

Dreh- und Angelpunkt: Wettbewerbsfähigkeit

Die eigentliche Lösung des Problems liegt nicht darin, die Geldpolitik weiter zu lockern oder die Staatsschulden zu reduzieren (was bisher ohnehin kaum gemacht wurde). Maßgeblich ist: Werden diese Länder jemals so wettbewerbsfähig, dass sie sich weltweit positionieren können? Staaten wie Griechenland oder Italien müssen Produkte herstellen oder Dienstleistungen anbieten, die global nachgefragt werden. Aber hierfür fehlt es an allen Voraussetzungen (Infrastruktur, Qualifikation, Investitionen). Langfristig wird die Eurozone entweder auseinanderbrechen, oder die Staaten in Südeuropa sind auf dauerhafte Transfers aus dem Norden angewiesen.

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Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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