Die Schuldenlawine: Wie Schulden Europas Zukunft zerstören

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Dass Argentinien in dieser Wochen in die Staatspleite schlitterte, hat wohl kaum jemanden verwundert. Diese Entwicklung zeichnete sich bereits vor Monaten ab.

Erstaunlich ist aber, wie leichtfertig Staaten mit ihren Schulden umgehen. Im Zweifelsfall ist man schnell bereit, auf eine Umschuldung oder eine Einstellung des Schuldendienstes zu drängen. 

Wer die Last trägt

Die polemische Rhetorik gegen die „Geierfonds“ lenkt davon ab, dass die Zahlungsunfähigkeit von Staaten viele Menschen betrifft. Es sollte nicht vergessen werden, dass ein Großteil der privaten Altersvorsorge (Pensionsfonds, betriebliche Altersversorgung, private Renten- und Lebensversicherungen) dank der Gesetzgebung fast überwiegend auf Staatsanleihen beruht. Der Staat fördert dies, denn sonst könnte er womöglich seine eigenen Papiere nicht mehr vollständig unterbringen. Versicherungen und Banken müssen kurioserweise für Staatsanleihen keinerlei Sicherheiten vorhalten, auch wenn es sich um griechische, zyprische oder spanische Schuldverschreibungen handelt. Dagegen sind für Sachwerte wie Immobilien und Aktien hohe Sicherheiten erforderlich.

Es ist zynisch glauben zu machen, eine griechische Staatsanleihe sei viel sicherer und wertbeständiger als eine Immobilie in München. Die Verantwortlichen wissen dies, aber schließlich brauchen Staaten eine Menge Geld. Wenn Italien oder Spanien eines Tages nicht mehr in der Lage sein sollten, ihre Schulden in vollem Umfang zu bedienen, könnte für die Menschen hierzulande die bittere Stunde der Wahrheit anbrechen. Plötzlich würde man erkennen, dass die vermeintlich sichere betriebliche Altersversorgung oder die privaten Rentenversicherungen gegen Krisen nicht gefeit sind. Deshalb wird die Geldpolitik diesen Zeitpunkt so lange wie möglich hinauszögern, auch wenn noch einmal Billionen in den Geldkreislauf gepumpt werden müssten. Argentinien hat nur das Pech, dass es nicht Mitglied in der Eurozone ist, sonst könnte es großzügige Hilfen in Anspruch nehmen für die „vorübergehende Störung“ des Gleichgewichts (Griechenland war offiziell bekanntlich nie zahlungsunfähig).

Wie hoch die Schulden tatsächlich sind

Griechenland erreicht inzwischen eine Schuldenquote von 174 Prozent (und dies trotz eines so genannten freiwilligen Schuldenschnitts und Hilfen von offiziell 240 Milliarden Euro, hinzu kommen noch Liquiditätshilfen über die EZB und eine weitere Verschuldung über Targetsalden im Rahmen des Außenhandels).  Nur Japan kann unter den entwickelten Ländern diesen Rekordwert noch mit geschätzten 240 Prozent übertrumpfen. Italien überschreitet trotz immer wieder vollmundig angekündigter Reformen die Marke von 135 Prozent, und Portugal steuert auf die Quote von 134 Prozent zu. Frankreich wird demnächst einen Schuldenstand von 97 Prozent vorweisen.

Wer nun glaubt, Deutschland sei besser dran, irrt. Zwar beläuft sich der offizielle Schuldenstand „nur“ auf etwas über 77 Prozent, aber die Wahrheit ist eine andere. Die versteckten (impliziten) Staatsschulden sind weitaus höher. Experten schätzen sie auf 283 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zu den impliziten Staatsschulden zählen vor allem Verpflichtungen, die sich aus den Sozialversicherungen ergeben – beispielsweise Anwartschaften für die gesetzliche Rentenversicherung, die Pflege- und die Krankenversicherung. Der Zuschuss für die gesetzliche Rentenversicherung erreicht trotz des Umlagesystems bereits heute fast 90 Milliarden Euro und macht einen Großteil des Staatshaushalts aus. Investitionen in die Zukunft des Landes sind nur noch eingeschränkt möglich, da der Staatshaushalt kaum Spielräume zulässt. So verwundert es auch nicht, dass die Infrastruktur verkommt und die Straßen durch eine zusätzliche PKW-Maut saniert werden müssen.

In den anderen europäischen Ländern dürfte die implizite Staatsschuld in der Relation vergleichbar hoch sein. Argentinien könnte in einigen Jahren bald auch in Europa Realität werden.

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Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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