Griechenland: Wohin führt der Weg?

09-Tempel-bGriechenland hat es in kürzester Zeit geschafft, nahezu sämtliche Regierungen in der Eurozone zu brüskieren. Schon die Ankündigung, man werde mit der Troika nicht mehr zusammenarbeiten, sorgt für Unmut und Verärgerung. Es sieht auch so aus, als wollte Athen sich nicht mehr an die bisherigen Vereinbarungen halten. Für Brüssel und Berlin ist diese Kehrtwende ein einziges Debakel.Griechenlands neue Außenpolitik

Der Eklat, der durch diese ersten Schritte ausgelöst wurde, wird die Verhandlungen mit Brüssel erheblich erschweren. Tsipras hätte ein viel größeres Entgegenkommen erwarten können, wenn er behutsam und diplomatisch agiert hätte. Aber schon allein die Anfrage an Russland, ob man von dort finanzielle Hilfen ohne Auflagen bekommen könnte, musste in Berlin wie ein Affront wirken.

Griechenlands wirtschaftliche und soziale Situation

Die Lage in Griechenland ist prekär. Nach etlichen bitteren Krisenjahren ist die Bevölkerung verarmt und hat kaum noch Perspektiven. Die Arbeitslosenquote stagniert bei 25 Prozent, und die Jugendarbeitslosigkeit erreicht astronomische Höhen. Anders als in Deutschland gibt es in Griechenland keine dem Arbeitslosengeld II vergleichbare Sozialhilfe. Nach dem Ende des Bezugs von Arbeitslosengeld fallen die Betroffenen in ein tiefes Loch und sind auf die Unterstützung von Angehörigen angewiesen. Immer mehr Griechen haben nicht einmal mehr eine Krankenversicherung, und die Zahl der Obdachlosen steigt stetig.

Griechenland weist eine (offizielle) Staatsverschuldung von mehr als 175 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf. Bei einer solchen Höhe ist ein Land eigentlich so gut wie bankrott. Ebenso kritisch ist die Lage im Bankensystem. Kleinsparer ziehen immer mehr Geld von den Konten ab. Einem Bericht des „Spiegels“ zufolge reichen die Reserven des Bankensektors gerade noch bis Mitte Februar.

Der Schuldenschnitt

Obwohl die Athener Regierung immer wieder einen Schuldenschnitt ins Gespräch bringt, ist es für Brüssel schwierig, einen solchen Cut zu bewilligen. Man muss daran denken, dass Griechenland bereits einen Schuldenschnitt von über 100 Milliarden Euro erhielt. Ein erneuter Schuldenerlass würde ausländische Investoren abschrecken. Das Land hätte mindestens zwei Jahrzehnte lang keine Chance, wieder an die internationalen Finanzmärkte zurückzukehren. Griechenland wäre auf Dauer auf Hilfen aus Brüssel angewiesen.

Außerdem würde ein solcher Schuldenschnitt oder eine weitere Erleichterung der Kreditkonditionen einen bedenklichen Präzedenzfall schaffen. Warum sollten nicht auch Portugal, Spanien oder Irland einen Schuldenschnitt beanspruchen? Weshalb sollten diese Länder höhere Zinsen entrichten? Erschwerend kommt hinzu, dass die EZB auf keinen Fall an einem Schuldenschnitt beteiligt werden darf. Das wäre eine verdeckte Form der Staatsfinanzierung. Sollte Griechenland sich weigern, die Schulden zu bedienen, müssten die Staaten der Eurozone das Defizit der EZB ausgleichen.

Ist ein Austritt aus der Eurozone eine Lösung?

Die Antwort lautet nein. Griechenland müsste nämlich eine drastische Abwertung der Landeswährung von 30 bis 40 Prozent hinnehmen. Alle Importgüter wie Erdöl, Erdgas, Medikamente, ausländische Lebensmittel, Elektronik und Maschinen würde sich dramatisch verteuern. Griechenland würde eine solche Abwertung nicht verkraften.

Was bleibt ist: Die Politik wird wieder eine Lösung der kleinen Schritte und Zugeständnisse wählen. Damit wird die Krise vielleicht gemildert, aber eine langfristige Lösung zeichnet sich nicht ab. Griechenland muss wettbewerbsfähig werden. Was Griechenland braucht ist ein Silicon Valley mit vielen innovativen Ideen – keine neuen Beamten und staatseigenen Unternehmen.

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Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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