Wie es mit Griechenland weitergeht

10-Narr-aFür niemanden war es eine Überraschung: Griechenland erhält neue Hilfen. Was die Konditionen anbelangt, so übten sich die Politiker in der Kunst der Textinterpretation. Während man in Athen die Verhandlungen als großen Erfolg feiert, fühlen sich auch die Geberländer als Gewinner bestätigt. Doch wie wird es mit Griechenland weitergehen?

Subventionen oder Kredite?

Letztlich wird auch die nächste Verhandlungsrunde weitere Hilfen für Griechenland beschließen. Denn – wer ehrlich ist – erkennt Folgendes: Die 240 Milliarden Euro, die Griechenland von den anderen Staaten der Eurozone erhalten hat, sind verloren. Bei der geschätzten Staatsverschuldung von 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist es völlig unmöglich, diese Schulden jemals zu tilgen.

Wenn die Ministerrunde beschließen würde, keine neuen Kredite zu bewilligen, wäre der Staatsbankrott besiegelt und die 240 Milliarden Euro müssten sofort abgeschrieben werden. Wenn hingegen weitere Kredite in Aussicht gestellt werden, wird der Schuldenschnitt nur in die Zukunft verlagert. Im Grunde waren diese Gelder schon immer nichts anderes als Subventionen. Und Griechenland wird auch in Zukunft in vollem Umfang auf die Unterstützung aus Brüssel angewiesen sein.

Wäre ein Grexit eine Lösung?

Der Austritt aus der Eurozone wäre für Griechenland keine realistische Option. Denn die Preise für Importgüter würden dramatisch steigen. Rohstoffe wie Erdöl, Benzin und Erdgas würde innerhalb von Tagen in die Höhe schnellen. Lebensmittel aus dem Ausland, dringend benötigte Medikamente und Elektronik würden über Nacht völlig unerschwinglich für die verarmte Bevölkerung.

Die Hoffnung, dass die griechische Wirtschaft durch eine drastische Abwertung der eigenen Währung wieder wettbewerbsfähig würde, könnte sich als Strohfeuer erweisen. Zwar würde das Land vorübergehend dem Tourismussektor Auftrieb verleihen und auch Agrarprodrodukte könnten international auf eine stärkere Nachfrage stoßen, aber schon nach wenigen Monaten wäre der Effekt verflogen.

Im Vergleich zu billigeren Urlaubsorten wie die Türkei oder Bulgarien hat Griechenland keine realistische Chance. Selbst wenn Athen auf einen qualitativ hochwertigen Tourismus setzte, sind die Voraussetzungen relativ schlecht. Langfristig zählt die gesamte Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Ohne grundlegende strukturelle Reformen wird es Griechenland nicht schaffen, sich in der Weltwirtschaft zu behaupten.

Die Reformunwilligkeit der Eurozone

Das Erschreckende ist nur: Auch etliche andere Länder haben es versäumt, die vergangenen Jahre für Innovationen zu nutzen. Reformen sind in Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien nur teilweise zu erkennen.  Überall ist die Staatsverschuldung weiter angestiegen. Bald werden auch diese Länder auf Erleichterungen der Kreditkonditionen bestehen. In Spanien zeichnet sich mit der Popularität der Protestbewegung Podemos eine neue Herausforderung ab. In naher Zukunft könnte es einen Tsipras auch in Spanien, Italien und letztlich in Frankreich geben.

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Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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