Das Dilemma der Eurozone

01-Euro-bDie Eurozone steht vor einer grundsätzlichen Entscheidung: Soll Griechenland in der Eurozone bleiben oder eine eigene Währung einführen? Welche Lösung ist sinnvoller?

Betrachten wir die Konsequenzen, die sich aus einer solchen Entscheidung ergeben, im Einzelnen.

Szenario 1: Griechenland bleibt in der Eurozone

Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist Griechenland nicht wettbewerbsfähig. Athen wird über viele Jahre von Hilfen aus Brüssel abhängig bleiben. Der Internationale Währungsfonds hat den Finanzbedarf bis zum Jahr 2018 auf über 50 Milliarden Euro taxiert. Diese Zahl dürfte jedoch zu niedrig sein, denn Griechenland hat auch die letzte Rate aus dem vorherigen Hilfsprogramm nicht erhalten. Bislang waren ohnehin alle Prognosen des IWF (was beispielsweise das Wirtschaftswachstum anbelangt) völlig unzutreffend. Daher gehe ich davon aus, dass der tatsächliche Finanzbedarf eher in einer Größenordnung zwischen 70 und 100 Milliarden Euro liegt.

Auch danach wird Griechenland nicht in der Lage sein, von seinen Exporten zu leben. Denn das Land hat enorme strukturelle Defizite, die grundlegende Reformen erfordern. Auch nach 2018 wird Athen weitere Milliarden benötigen. Das wirft die Frage auf: Ist ein solches umfassendes Hilfsprogramm politisch überhaupt realisierbar? Viele Länder werden sich sträuben, solchen „Tranfersleistungen“ zuzustimmen. Sowohl in Finnland, das sich ohnehin bereits Garantien hat zusichern lassen, als auch in der Slowakei wird der Widerstand gegen neue Hilfspakete ausgeprägt sein.

Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass Griechenland weitere Milliardenhilfen erhält. Die Gründe dafür sind weniger wirtschaftspolitisch als geopolitisch definiert. Die USA werden aufgrund von vitalen Sicherheitsinteressen eine Destabilisierung Südeuropas unter allen Umständen vermeiden.

Szenario 2: Griechenland scheidet aus der Eurozone aus

Das Szenario ist eher unwahrscheinlich. Hierfür gibt es mehrere fundierte Gründe. So ist ein Ausscheiden aus der Eurozone in den EU-Verträgen nicht vorgesehen. Ein solcher Grexit hätte zudem katastrophale und unabsehbare Folgen. Das Lohnniveau würde in Griechenland dramatisch einbrechen, wenn die Gehälter in Drachmen ausgezahlt würden. Die Drachme würde innerhalb von Tage mehr als die Hälfte ihres Wertes einbüßen. In Griechenland würden die Löhne fast auf das Niveau der Nachbarländer (Türkei, Bulgarien) absinken. Einen solchen Schnitt verkraftete die Bevölkerung kaum.  Hinzu käme ein plötzlicher Kollaps des Bankensystems. In einigen Presseberichten aus England wurde bereits angedeutet, dass nur noch Einlagen über 8000 Euro unangetastet bleiben sollen. Alle Beträge über dieser Freigrenze würden mit einer Abgabe in Höhe von 30 Prozent belastet. Dieser Eingriff wäre weitaus drakonischer als alle Maßnahmen, die in Zypern angewandt wurden. Die Menschen in Griechenland würde nahezu alles verlieren. Ein entsetzliches Elend würde sich ausbreiten.

Zudem müsste es einen umfassenden Schuldenschnitt geben. Schon jetzt ist offenkundig, dass Griechenland niemals die Schulden wird zurückzahlen können. Mindestens 360 Milliarden Euro sind somit endgültig verloren. Man sollte außerdem bedenken, dass Griechenland bereits einen Schuldenerlass in Höhe von über 100 Milliarden Euro von den Privatgläubigern erhalten hat.

Die anderen Staaten der Eurozone haben aber keinerlei Möglichkeit, einen solchen Schuldenschnitt offiziell zu verkünden. Denn andere Länder wie Spanien, Portugal, Zypern, Irland und Italien würden völlig zu Recht ebenfalls auf Gleichbehandlung beharren. Ein solcher Cut brächte jedoch die Weltwirtschaft an den Rand einer schweren Krise.

Die Staatsschuldenkrise kommt weltweit

Ganz gleich welche Lösung am Ende gewählt wird: Das zugrundeliegende Problem bleibt ungelöst. Die Staatsverschuldung befindet sich weltweit auf Rekordhöhe – Beispiele sind die USA und Japan, das ein offizielles Schuldenniveau von 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die verhängnisvolle Schuldenlawine in Gang setzt. Dann ist, um mit Bundesfinanzminister Schäuble zu sprechen, „Game over“.

In den Nachkriegsjahrzehnten wurde viel zu lange der Wohlstand auf Pump finanziert. Kein Land hat bislang auch nur einen Cent getilgt. Es wird schon als großer Erfolg gefeiert, wenn keine neuen Schulden aufgenommen werden, und selbst das gelingt kaum einem Land. Eine Austeritätspolitik, die auf hartes Sparen setzt, ist der falsche Weg. Sie beschleunigt nur die verhängnisvolle Deflationsspirale. Andererseits ist auch eine uneingeschränkte Ausgabenpolitik nach dem Gießkannenprinzip wenig sinnvoll.

Die einzige Möglichkeit, dieser Krise zu entrinnen, besteht darin, die Produktivität und die Innovationsfähigkeit deutlich zu erhöhen. Jedes Land braucht ein florierendes „Silicon Valley“ und eine moderne zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass dies gelingt, ist – wenn man die bisherigen Maßnahmen Revue passieren lässt – äußerst unwahrscheinlich.

Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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