Die Nulllösung der EZB

16-Safe-cDie EZB hat drastische Schritte unternommen, um die expansive Geldpolitik fortzusetzen. Der Leitzins in der Eurozone wurde auf null Prozent abgesenkt. Zusätzlich wurde der Strafzins, den Banken für ihre geparkten Einlagen entrichten müssen, auf 0,4 Prozent erhöht. Darüber hinaus wird das Anleihenkaufprogramm aufgestockt auf monatlich 80 Milliarden Euro. Beobachter hatten bereits erwartet, dass die Notenbank ein deutliches Signal an die Märkte senden würde.

Die dramatische Lage der Eurozone

Erstaunlich war jedoch, dass die EZB neben der Ausweitung des ohnehin großzügigen Kaufprogramms auch die Leitzinsen noch einmal absenkte. In der gesamten Wirtschaftsgeschichte ist ein Leitzins von null Prozent beispiellos. Weder die amerikanische Federal Reserve noch die Bank of Japan sind jemals so weit gegangen. Selbst wenn man Jahrhunderte Revue passieren ließe, fände man nirgendwo einen Zinssatz von null Prozent. Weder in der Antike noch im Mittelalter oder in der Neuzeit gab jemals eine solche Situation. Wir leben in einem Zeitalter des ökonomischen Ausnahmezustands.

Was bedeutet dies? Eine Zentralbank, die den Leitzins auf null reduziert, macht damit indirekt deutlich, dass es um die Wirtschaft dieser Region katastrophal bestellt sein muss. Eine solche monetäre Flut ist nur dann erforderlich, wenn die Ökonomie am Ende ist. Die erschreckend hohe Staatsverschuldung in vielen Mitgliedsstaaten der Eurozone verhindert jegliches nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Die gesamte Region hat sich nie von dem konjunkturellen Einbruch der Jahre 2007 und 2008 erholt. Die zaghaften Aufschwünge, die immer wieder als Durchbruch zelebriert wurden, erwiesen sich im Nachhinein als Illusion.

Die Eurozone befindet sich am Rande des Abgrunds. Nur so lässt sich ein Zinssatz von 0 Prozent erklären. Schon die geringsten Zinssteigerungen würden etliche Staaten ins Wanken bringen. Die fragile Lage der Eurozone ist erschreckend. Leider sieht es in vielen anderen Regionen außerhalb Europas nicht viel besser aus. Japan ist beispielsweise mit einer Staatsverschuldung von 250 Prozent völlig überfordert.

Der Albtraum der Staatsverschuldung

In dem Augenblick, in dem die Kapitalmärkte wieder nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage funktionieren, beginnt der Albtraum. Von 0 Prozent auf eine jahrzehntelang übliche Durchschnittsverzinsung von 3 bis 4 Prozent zurückzukehren, ist ein Schock, den die wenigsten Länder verkraften werden. Auch wenn die Anpassung sehr behutsam erfolgen sollte. Am Ende dieser wirtschaftspolitischen Odyssee steht die Insolvenz einiger Staaten und möglicherweise eine Währungsreform. Hinzu kommen weitere Krisenphänomene: Die niedrigen Zinsen werden mehrere Blasen entstehen lassen – vor allem im Immobilienmarkt. Das Drama, das 2007 in den USA begann, könnte sich in Europa wiederholen. Nur diesmal werden keine staatlichen Hilfen mehr zur Verfügung stehen, um die Konjunktur anzukurbeln.

Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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