Das Scheitern der Politik und die Altersarmut

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Die Altersarmut wird in den kommenden Jahren in Deutschland dramatisch zunehmen. Ab dem Jahr 2030 wird ungefähr die Hälfte der Rentnerinnen und Rentner nur eine Altersrente auf dem Niveau von Hartz IV beziehen und damit knapp über dem Existenzminimum liegen. Diese Entwicklung ist schon jetzt deutlich vorhersehbar. Doch die Politik zaudert und zögert, und die vorgesehenen Korrekturen sind allenfalls oberflächliche und nahezu unwirksame Lösungsansätze.

Was sind die Ursachen  für die Rentenmisere?

Es gibt eine Vielzahl von Ursachen. Als Bismarck die Sozialversicherungen im 19. Jahrhundert einführte, war Deutschland ein Agrarland trotz der dynamisch einsetzenden Industrialisierung. Ein Großteil der Bevölkerung war in der Landwirtschaft tätig, und Mehrgenerationenfamilien waren der Regelfall. Erst mit der Industrialisierung nahm die Urbanisierung deutlich zu; das Bevölkerungswachstum hielt an.

Doch die antiquierten Lösungsmodelle aus dem 19. Jahrhundert taugen nicht für das 21. Jahrhundert. Wir leben heute in einem dynamischen Informationszeitalter. Der Dienstleistungssektor wächst kontinuierlich. Das Umlagesystem funktioniert nur, wenn alle Generationen ungefähr gleich stark sind. Doch inzwischen müssen die jüngeren Generationen immer höhere Lasten schultern. Das Wirtschaftswachstum ist von Jahrzehnt zu Jahrzehnt geschrumpft, und die finanziellen Haftungsrisiken innerhalb der Eurozone nehmen ständig zu.

Das Problem des demografischen Ungleichgewichts zeichnete sich bereits in den Siebzigerjahren ab. Aber kaum ein Politiker hatte den Mut, langfristig zu denken. Die Einführung der Rente mit 63 und die Mütterrente sind nur minimale Korrekturen an einem Rentensystem, das in eine ernste Schieflage geraten ist. Schon heute müssen jährlich mehr als 100 Milliarden Euro zusätzlich aus dem Staatshaushalt für den Erhalt der Rentenversicherung aufgebracht werden.

Die Folgen

Im Jahr 2030 wird das Rentenniveau auf 44 Prozent des früheren Gehalts sinken. Um diese Absenkung zu kompensieren, müsste die private Altersvorsorge erheblich gestärkt werden. Doch es gibt zwei Probleme: Viele Geringverdiener können sich eine solche private Zusatzversorgung nicht leisten und rutschen damit unweigerlich auf das Existenzminimum ab. Dies betrifft mittlerweile auch Durchschnittsverdiener.

Das zweite Problem besteht darin, dass die Zinsen viel zu niedrig sind. Seit der schweren Wirtschaftskrise in den Jahren 2007 und 2008 wurden die Zinssätze von der EZB auf das jetzige Nullniveau reduziert. Aber ein Wirtschaftsboom ist ausgeblieben. Statt dessen leiden wir unter einer permanenten schleichenden Krise, einer extrem hohen Staatsverschuldung in etlichen Regionen der Welt, einer Deflationsspirale und der permanenten Gefahr einer neuen schweren Rezession.

Alle klassischen Formen der privaten Altersvorsorge scheiden in Anbetracht des Niedrigzinsniveaus aus. Auch die viel gelobte Riester-Rente hat sich als ein sinnloses Instrument erwiesen, da aufgrund der niedrigen Zinsen und der hohen Gebühren keine sinnvolle Rendite  erzielt wird.

Langfristig wird das Umlagesystem scheitern und durch eine staatliche Rente mit einer Mindestsicherung ersetzt werden. Spätestens wenn die Hälfte der Rentnerinnen und Rentner im Jahr 2030 am Rande des Existenzminimums ausharren muss, wird eine umfassende Reform eingeleitet.

Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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