Der Brexit ist da! Das Ende der EU?

17-Muenze-dDas Unfassbare ist geschehen: Die Bevölkerung in Großbritannien hat sich für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden. Ich muss ehrlich zugeben: Wie viele Beobachter habe ich bis zuletzt angenommen, dass die Mehrheit für den Verbleib votieren würde. Hierbei wird deutlich: Man muss immer mit Überraschungen rechnen. Alle Prognosen können sich als falsch erweisen.

Wir sollten uns folgende Fragen stellen: Was werden die Folgen des Brexits sein? Und in welchem Zustand befindet sich die Europäische Union?

Das Ende der EU?

Zwar bemühten sich viele Politiker sofort zu beteuern, der Brexit habe keinerlei Auswirkungen auf den Zusammenhalt in der Europäischen Union, aber das ist falsch. Die Entscheidung in London hat eine deutliche und verheerende Signalwirkung für ganz Europa. Es ist völlig naiv zu glauben, der Austritt des drittgrößten Nettozahlers der EU bliebe folgenlos. Populistische Bewegungen in vielen europäischen Ländern werden enormen Auftrieb erhalten und nach einem Referendum verlangen.

Sollte in Frankreich nach den Präsidentschaftswahlen eine Abstimmung über den Verblieb in der EU stattfinden, wäre dies das sichere Ende der EU. Auch in Ländern wie den Niederlanden, Dänemark, Österreich und anderen nimmt die Europamüdigkeit zu. Die EU hat es versäumt, Reformen rechtzeitig in die Wege zu leiten.

Der Euro ist am Ende: Ein Währungsreform wird wahrscheinlicher

Noch schlimmer sieht die Situation in  der Eurozone aus. Die hohe Staatsverschuldung, die mangelnden Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit einiger Länder bringen die Währungsunion in eine schwierige Lage. Schon jetzt bedarf es beträchtlicher geldpolitischer Anstrengungen, um den Euro zu halten. Noch nie in der Wirtschaftsgeschichte gab es in Deutschland Negativzinsen auf eine Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit, und noch nie gab es einen Leitzins von 0 Prozent. Sollten die Zinsen irgendwann steigen, wenn das Vertrauen der Investoren in die Bonität einiger Staaten schwindet, sind einige Mittelmeerländer innerhalb kürzester Zeit am Rande der Belastung angelangt.

Eine Währungsreform ist in den kommenden Jahren nicht mehr auszuschließen. Der Euro wird sich nur halten lassen, wenn die beteiligten Staaten solide wirtschaften und wettbewerbsfähig sind. Hierfür gibt es jedoch nicht die geringsten Anzeichen. Im Gegenteil: Frankreich ignoriert das Haushaltsdefizit und erhöht die Ausgaben ständig weiter; in Spanien grassiert eine Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent; Griechenland ist ein hoffnungsloser Fall, und Italien weist eine Staatsverschuldung von über 160 Prozent auf. Eine Währungsunion, die aus solchen Ländern besteht, ist früher oder später am Ende. Sämtliche Kredite, die an andere EU-Staaten gezahlt wurden, würden wertlos. Der Wohlstand, der in vielen Jahrzehnten nach 1945 aufgebaut wurde, würde gefährdet.

Europa zerfällt

Hinzu kommt eine fortschreitende Regionalisierung. Ein erneutes Unabhängigkeitsreferendum in Schottland würde Großbritannien zersplittern lassen. London würde als Garant der Stabilität in Europa ausfallen. Die Regionalisierung ist nicht grundsätzlich ein Nachteil, da kleinere Staaten oft sehr viel flexibler und innovativer auf die Veränderungen der Weltwirtschaft reagieren. Man denke an Länder wie Luxemburg und Singapur. Insofern hätte Schottland eine einzigartige Jahrhundertchance, die Dinge zum Besseren zu wenden.

Insgesamt betrachtet aber ist der Brexit für Europa nachteilig: London hat bisher immer für den Interessenausgleich auf dem europäischen Kontinent gesorgt. Regionalmächte wie England und Wales werden kaum das nötige Gewicht haben, um in Europa ihre Stimme geltend zu machen.

Was ist das Fazit?

Es kommen unruhige und beschwerliche Zeiten auf uns zu. Die EU hat es versäumt, grundlegende Änderungen anzustoßen. Die Europäische Union wird zerfallen; in vielen Ländern werden populistische Bewegungen ein Referendum fordern. Selbst wenn es zu keinem Votum kommt, werden alle Reformbemühungen in Brüssel vollständig blockiert werden. Der Austritt weiterer Länder ist wahrscheinlich. Die ohnehin schwache Eurozone wird unter dieser Last schneller zerbrechen – ein Ende des Euro ist nicht mehr ausgeschlossen. Letztlich hängt das Schicksal der EU von Frankreich ab. Die Entwicklungen in Paris werden zeigen, wohin die Reise geht.

Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

Be Sociable, Share!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.