Der Brexit und das Ende der europäischen Integration

17-Muenze-dDie Nervosität steigt. Wie zahlreiche Umfragen verdeutlichen, haben die Europagegner enorm an Zulauf gewonnen. Mittlerweile plädiert eine Mehrheit für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Auf dem Kontinent wachsen indes die Befürchtungen und Ängste. Könnte ein Brexit nicht auch andere Länder veranlassen, über ein Ende der Mitgliedschaft nachzudenken?

In Deutschland und in anderen EU-Länder hüllt man sich in Schweigen, um nicht noch für mehr Verdruss auf der Insel zu sorgen. Jedes Wort, jede unbedachte Äußerung könnte den Brexit-Anhängern Auftrieb verleihen.

Doch genau hier liegt das eigentliche Problem: Die Politik hat die Lösung verschiedener Schwierigkeiten immer wieder auf das Neue vertagt und hinausgeschoben. Das beliebte Aussitzen ist in der Europapolitik weit verbreitet. Nicht ein einziges Hauptproblem wurde langfristig gelöst.

Die Eurozone in der Krise

Beispiele gibt es viele: Griechenlands Wirtschaft befindet sich in einem desolaten Zustand; die Staatsverschuldung erreicht die Rekordhöhe von 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, und die Arbeitslosigkeit verharrt auf der Marke von 25 Prozent. Die sozialen Spannungen und die Armut nehmen erschreckende Ausmaße an. In Spanien sind einige Regionen wie Andalusien von einer Arbeitslosigkeit von über 30 Prozent betroffen; eine Regierungskoalition gibt es bis heute nicht.

Die enorme Staatsverschuldung in Italien wird immer mehr zu einer ernsthaften Belastung für die gesamte Eurozone. Produktivität und Innovationsfähigkeit gehen ständig zurück. Auch in Frankreich werden die Maastricht-Kriterien nicht eingehalten, und Konsolidierungsmaßnahmen ständig vertagt und in eine ferne Zukunft verschoben. Die Popularitätswerte der Regierung in Paris sinken noch schneller als die Innovationsfähigkeit Frankreichs.

Wann kommen sinnvolle Lösungen?

Und was macht die Politik? Sie wartet ab. Ein Problem, das nicht gelöst wird, wird irgendwann jedoch zu einer kaum zu bewältigenden Herausforderung. Die Taktik der kleinen, behäbigen Schritte eignet sich vielleicht für die Planung von Fahrradwegen in Niederschlösslesbach, aber nicht für die Eurozone. Insofern wäre ein Brexit vielleicht das richtige Signal, um endlich die Politik anzuspornen, nach konstruktiven, sinnvollen und wirksamen Lösungen zu suchen.

Glücklicherweise werden die Wählerinnen und Wähler in Großbritannien besonnen reagieren und für einen Verbleib in der EU votieren. Aber langfristig haben die EU und die Eurozone nur dann eine Chance, wenn es gelingt, den Wohlstand und das wirtschaftliche Wachstum für alle in der Gemeinschaft zu erhalten und der Idee einer europäischen Integration neuen Glanz zu verleihen.

Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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