Kommt der Brexit im Juni?

15-Sonne-bIm Juni 2016 findet das Referendum über den Verbleib Großbritanniens statt. Wird das Vereinigte Königreich die EU verlassen? Oder wird die Bevölkerung für Europa stimmen? Die Meinungsumfragen deuten auf ein sehr knappes Ergebnis hin. Doch wie bereits das Referendum in Schottland zeigte, sind Überraschungen nie ausgeschlossen. Und so schaut man in den europäischen Hauptstädten besorgt auf London. Wird Großbritannien die EU verlassen?

Kommt der Brexit?

Auch wenn die Umfragen suggerieren, eine knappe Mehrheit könnte für den Austritt votieren, so ist die Wahrscheinlichkeit doch höher, dass London in der EU bleibt. Schon die Abstimmung in Schottland hat demonstriert, dass die meisten Wähler für den Status quo stimmen und Veränderungen eher ablehnen. Dennoch steigt in Großbritannien die Verdrossenheit über die Bürokratie und die Einmischung aus Brüssel. In London war man tendenziell schon immer europaskeptisch. Daher ist der Ausgang des Referendums nach wie vor ungewiss.

Was wäre für Großbritannien besser: die EU oder der Austritt?

Auch wenn eine heftige und erbittert geführte Kontroverse die britische Insel erschüttert und die Kontrahenten die dunkelsten Szenarien beschwören: Fakt ist, dass London mit beiden Ergebnissen gut leben könnte.

Ein Verbleib in der EU bietet Großbritannien einen uneingeschränkten und lukrativen Zugang zu einem der größten Binnenmärkte der Welt. Viele britische Waren und Dienstleistungen werden in die EU exportiert. Dasselbe gilt auch für die britische Finanzbranche, die in Europa einen enormen Einfluss hat. Ein Brexit hätte deutliche Folgen.

Dennoch sind die Schreckensszenarien, die in der Debatte skizziert werden, völlig übertrieben. Einige Vertreter sprechen von einer jahrelangen Rezession, die das Königreich treffen könnte. Die Exportwirtschaft könnte horrende Verluste erleiden.

Wahr ist vielmehr Folgendes: Auch nach einem Austritt würde London sehr schnell bilaterale Verträge mit anderen Staaten und der EU abschließen. Hierzu gehörten neben den USA, Kanada, China und Japan auch die EU. Es ist ein Märchen zu glauben, dass Länder, die nicht zur EU gehören, am Rande der Armut vegetieren. Die Schweiz und Norwegen haben trotz ihrer Nicht-EU-Mitgliedschaft nahezu uneingeschränkten Zugang zum europäischen Binnenmarkt und dieselbe Freizügigkeit. Und beide Länder sind weitaus wohlhabender und besser aufgestellt als viele EU-Mitgliedsstaaten. Großbritannien könnte daher problemlos mit einer EU-Mitgliedschaft, aber auch mit einem Brexit leben.

Einen ernsthaften Nachteil würde nur die EU erleiden. Ein Austritt würde auch anderen Staaten, die schon längst mit Brüssel hadern, einen Vorwand für ein eigenes Referendum liefern. Es wäre womöglich der Anfang vom Ende der europäischen Integration und damit auch der Eurozone.

Großbritannien hat in der Vergangenheit immer auf das politische Gleichgewicht in Europa geachtet und als Vermittler zwischen den Interessen fungiert. Wenn London dieser historischen Verantwortung gerecht werden will, kann es einen Brexit nicht wirklich wollen. Ein Europa, das sich allmählich auflöst, wäre für London ein schlimmeres Übel als die Bürokratie aus Brüssel.

Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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