Der Kauf von Staatsanleihen und die EZB

11-Karten-bDer Kauf von Staatsanleihen gilt als ein probates Mittel, um die Konjunktur in Europa anzukurbeln. Doch ist das so? Betrachtet man die Wachstumsraten in der Eurozone so wird schnell deutlich, dass die EZB ihre Ziele bislang nicht erreicht hat. In Italien, Portugal und Frankreich ist das Wirtschaftswachstum bescheiden. Bei einem Leitzins von 0 Prozent müsste sich die gesamte Eurozone eigentlich über Nacht in eine beispiellose Boomregion verwandeln. Doch diese Wirkung ist nicht eingetreten. Besonders bedenklich sind jedoch die langfristigen Konsequenzen des Quantitative Easing. Je mehr Geld die Zentralbank in den Kreislauf pumpt, desto verhängnisvoller und drastischer sind die Folgen.

Die Nullzinspolitik und die Versicherungen

Besonders deutliche Auswirkungen treten bei den Versicherungen zutage. Der Garantiezins, der jahrzehntelang als Erfolgsmodell galt, musste von den meisten Assekuranzen aufgegeben werden. Bei einem so niedrigen Zinsniveau ist es schon ein Meisterstück, die in den Neunzigerjahren vertraglich zugesicherten Konditionen einzuhalten. Ebenso fatal wirkt sich diese Situation auf die Pensionsfonds aus. Langfristig wird die Rendite der betrieblichen Altersvorsorge erheblich sinken.

Die Nullzinspolitik und die Banken: Fehlende Innovationen

Auch das Geschäftsmodell der Banken gerät unter Druck. Aufgrund fehlender Zinserträge sinkt die Rendite dramatisch. Auch hier sind die Folgen augenscheinlich: Viele Banken dünnen ihr Filialnetz aus und entlassen Personal. Die Ära kostenloser oder zumindest günstiger Girokonten neigt sich dem Ende zu. Immer mehr Dienstleistungen werden kostenpflichtig. Darüber hinaus gibt es bei vielen Banken einen Innovationsstau. Immer mehr neu gegründete Unternehmen, so genannte Fintechs, stoßen in diese Lücke vor und präsentieren zukunftsträchtige Innovationen. Inzwischen müssen Banken mit Zahlungssystemen von Internetkonzernen konkurrieren.

Die Gefahr spekulativer Blasen: Der Immobilienmarkt

Besonders akut ist die Gefahr einer Blase im Immobiliensektor. Die rekordverdächtig günstigen Immobilienfinanzierungen fördern einen drastischen Anstieg der Immobilienpreise. In einigen Ballungszentren sind Wohnungen und Häuser kaum noch erschwinglich. Bekanntlich wurde die schwere Krise von 2007 und 2008 durch risikoreiche Finanzierungen auf dem Immobilienmarkt ausgelöst.

Die Gefahr einer Währungsreform

In keinem Jahrhundert zuvor kam der Staat jemals auf die kuriose Idee, sich selbst Geld zu leihen. Nichts anderes ist es, wenn die Zentralbank Staatsanleihen erwirbt. Wenn ein Staat solide ist und die Volkswirtschaft ein hohes und kontinuierliches Wachstum aufweist, muss eine Zentralbank keine Staatsanleihen kaufen. Es gibt genügend Investoren, die sich diese Papiere zulegen würden. In unserem Zeitalter ist das leider anders: Ein beachtlicher Teil von Staatsanleihen wird mittlerweile von den Zentralbanken erworben. Sollte ein Staat in eine schwere Krise geraten, könnte dies einen Dominoeffekt auslösen. Erschwerend kommt hinzu, dass nach Schätzungen ein Drittel aller weltweit angebotenen Staatsanleihen mit einer langfristigen Laufzeit bereits keine Rendite mehr abwirft. Japan, Deutschland und die Schweiz sind dafür Beispiele.

Der permanente Kauf von Staatsanleihen durch die Zentralbanken (in der Eurozone erwirbt die EZB monatlich Bonds im Wert von 80 Milliarden Euro) setzt den Mechanismus von Angebot und Nachfrage außer Kraft. Ein Land wie Italien müsste ein Vielfaches an Zinsen zahlen, wenn es ein freies Spiel der Kräfte gäbe. Durch diese Verzerrung entwickeln sich die Finanzmärkte zu einer Art Parallelwelt, in der die einfachsten ökonomischen Gesetzmäßigkeiten vorübergehend nicht mehr gelten. Am Ende könnte es ein böses Erwachen geben.

Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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