Der Niedrigzins und die Banken

16-Safe-cDie Banken in Europa und weltweit stehen vor drastischen Herausforderungen. Aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsen geraten die Margen unter Druck. Das klassische Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. Denn das Nullniveau setzt die Bankenbranche erheblich unter Druck. Immer mehr Kreditinstitute drehen daher an der Gebührenschraube. Erst kürzlich kündigte die Postbank an, dass sie kostenlose Girokonten nur noch unter bestimmten Voraussetzungen anbieten kann. Immer mehr Banken schließen nicht rentable Filialen und dünnen das Filialnetz weiter aus.

Die EZB, der Niedrigzins und das Bankensystem

Die historischen Niedrigzinsen haben erhebliche Auswirkungen auf Banken, Versicherungen und Pensionsfonds. Ein Jahrzehnte altes Modell gerät ins Wanken: Seitdem der Leitzins in der Eurozone bei null Prozent liegt, haben die Banken ein ernstes Problem. Hinzu kommt, dass Bankeinlagen bei der Zentralbank negativ verzinst werden.

Die Banken versuchen, die Ausfälle durch höhere Gebühren bei Girokonten und anderen Dienstleistungen zu kompensieren. Mindestens ebenso gravierend ist das Problem in der Versicherungsbranche, die Garantiezinsen für ältere Kapitallebensversicherungen erwirtschaften muss. Pensionsfonds sind ebenfalls unter Druck: In den USA haben bereits etliche Fonds erschreckende Probleme. Auch hierzulande dürfte die betriebliche Altersversorgung für viele wesentlich schlechter ausfallen als bislang prognostiziert.

Das Bankensystem in der Eurozone

Noch gravierender ist die Lage in den anderen Ländern der Eurozone. Die italienischen Banken haben einen Kapitalbedarf von mindestens 360 Milliarden Euro. Man hat es versäumt, nach der Krise im Jahr 2008 das europäische Bankensystem auf eine solide Basis zu stellen. Statt dessen wurden mit Basel III die Anforderungen für die Kernkapitalquote deutlich erhöht. Diese an sich sinnvolle Maßnahme setzt aber die Banken weiter unter Druck. Aufgrund der unsinnigen generellen Einstufung von Staatsanleihen innerhalb der EU als sicher haben viele Kreditinstitute sich diese Papiere zugelegt. Anders als Aktien, Corporate Bonds oder Immobilien müssen Staatsanleihen aus der EU nicht zusätzlich besichert werden. Angesichts der verheerenden wirtschaftlichen Lage in Griechenland, Portugal, Spanien und Italien handelt es sich um ein bedenkliches Modell.

In der Zukunft werden noch mehr Banken Sparmaßnahmen verkünden, Personal abbauen und die Gebühren deutlich erhöhen. Darüber hinaus gerät die Branche durch neue Innovationen in Bedrängnis. Die Apps und die Angebote der Banken sind nicht mehr zeitgemäß. Innovative Zahlungssysteme, ein besserer Service und innovative Ideen fehlen. So stoßen Internetkonzerne wie Google und Apple in dieses Segment vor. Die Bankenbranche steht vor einem Umbruch. Sie wird eine ähnliche Transformation durchlaufen wie die Musikbranche nach der Jahrtausendwende oder das Verlagswesen mit dem Aufkommen des eBooks.

Über den Autor

geraldpilz Dr. Dr. Gerald Pilz ist Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Autor zahlreicher Bücher über Finanz- und Börsenthemen.

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